Fischerverein Wendlingen e.V.

 

Artenvielfalt der Fische ist bedroht

 

 

 

WENDLINGEN (pm).

Fischervereine für eine Reduzierung der Kormoranbestände – „Schutz der Tiere darf nicht an Wasseroberfläche aufhören“

Jeder kennt sie, die „Rote Liste“ mit den bedrohten Tierarten. Der Kormoran, ein ausgesprochen umstrittener Vogel, steht seit Jahren nicht mehr unter besonderem Artenschutz. Heute ist der vor allem in Mecklenburg-Vorpommern beheimatete Vogel verstärkt in der Diskussion. Der Fischfresser vernichtet die Artenvielfalt in den Gewässern. Trotzdem kürte der Naturschutzverband den Kormoran zum Vogel des Jahres.

Von Christa Ansel

WENDLINGEN. Die Fischervereine der Region sind über diesen Vorgang entrüstet. Seit Jahren weisen sie auf die starke Population der Kormorane hin. Das Europäische Parlament hat 2009 mehrheitlich ein europaweites Kormoranmanagement zur Reduktion dieser Vögel eingefordert. Umgesetzt wurde es bis heute nicht.

Auch wenn der Kormoran im Südwesten längst zum Standvogel geworden ist (357 Brutpaare wurden im Land gezählt), wird die Problematik dann besonders deutlich, wenn im Winter die große Zahl der rund 7000 Zugvögel aus dem Norden hier zusätzlich Station macht. Wer die Vögel beobachten will, findet am Unterensinger Röhmsee den idealen Standpunkt. Dort ist der Schlafplatz von rund 300 Kormoranen.

Wir sprachen mit Günter Richter, dem Vorsitzenden des Fischervereins Wendlingen, über diese Problematik. Richter ist Träger der Ehrennadel des Landes und erhielt diese für seine besonderen Verdienste um den Gewässer- und Naturschutz. Wenn die Fischer sich für eine Bejagung der Kormoran-Population aussprechen, dann tun sie dies nicht, weil sie fürchten, selbst keine Fische mehr fangen zu können. Ganz im Gegenteil.

Günter Richter erinnert an den Pflege- und Hegeauftrag der Fischer. Dazu gehört nicht nur, die Gewässer sauber zu halten, die Uferböschungen regelmäßig von Abfall zu reinigen, so wie dies die Wendlinger Fischer immer schon regelmäßig an der Lauter praktizieren. Günter Richter gehört zu denen, die sich für die Renaturierung der Gewässer einsetzen und wird von Fachbehörden gerne als Experte gehört.
 
Die Gewässer der Region, Lauter und Neckar, sind in den letzten Jahrzehnten sauber geworden. Viel Geld wurde investiert in die Durchgängigkeit der Gewässer. Eigentlich sollten sich diese Anstrengungen auch in der Artenvielfalt der Fische niederschlagen. Genau der umgekehrte Fall ist allerdings eingetreten.

Mit Sorge schaut Günter Richter in den Neckar. Wer sich heute auf die historische Römerbrücke zwischen Wendlingen und Köngen stellt, kann keine Fische mehr beobachten. Noch vor Jahren tummelten sich hier Barben, Döbel, Hasel, Neckarschneider, Rotaugen, Nasen, Aale oder Lauben.

 

All diese Arten, so Richter, sind im Neckar kaum mehr vorhanden. Der Kormoran, selbst ohne natürlichen Feind, hat sie nahezu ausgerottet.

In diesem Winter mit seinen zugefrorenen Seen weicht der Kormoran bereits aus auf die Lauter. Obwohl er am Lauterufer mit seinem dichten Baumbestand keine optimalen Anflugbedingungen hat, weitet der Kormoran sein Jagdgebiet dorthin aus, dezimiert den Bestand an Bachforellen spürbar. Dies ist besonders schmerzhaft: die Lauter ist einer der wenigen Bäche der Region mit einem reproduzierbaren Bestand an Bachforellen. Leider halte sich der Kormoran nicht an Schonzeiten, befriedigt seinen Hunger auch in der Laichzeit.

Ein einziger Kormoran frisst am Tag ein halbes Kilo Fische. Günter Richter rechnet aus: rund 175 Kilogramm Fischbiomasse würden täglich vernichtet. Eine ähnliche Menge Fische werde bei der Jagd durch den Kormoran verletzt, die Tiere verendeten. 350 Kormorane vernichteten also in einer Saison etwa 45000 Kilogramm Fisch. „Zu viel für den Neckar und seine angrenzenden Baggerseen“, kritisiert Günter Richter. Der natürliche Ertrag der Gewässer reiche bei Weitem nicht mehr aus, diese Verluste auszugleichen. Der Naturertrag von einem Hektar Wasserfläche betrage rund 65 Kilogramm Fisch. Der Ausfang, den der Fischerverein Wendlingen jährlich im Neckar, der Lauter, dem Hüttensee und dem Schäferhauser See vornimmt, entspricht der Menge Fisch, die sieben Kormorane in der Saison fressen: 450 Kilogramm. Angler und Fischer als Konkurrenten zu sehen, sei also falsch. Den Fischern gehe es neben der Angelfischerei primär um den Schutz der Gewässer und den Erhalt der Fischarten. Leider, so Günter Richter, habe die Tierwelt unter Wasser im Vergleich zur Vogelwelt keine starke Lobby.

Der Zusammenbruch der Fischpopulation

beruht nach Ansicht von Günter Richter nicht auf dem Klimawandel und auch nicht auf der strukturellen Verarmung der Gewässer, wie es der Nabu gerne vorhalte. Schuld daran trage einzig und allein der massive Einfall des Kormorans.

Der Schutz der Tiere dürfe nicht an der Wasseroberfläche enden. Unser Ökosystem, so der Fischer-Vorstand, sei in keiner Weise auf die vorhandenen Massen von Kormoranen eingestellt. Es sei allerhöchste Zeit, regulierend in die Kormoranbestände einzugreifen. „Tun wir es nicht, werden wir uns in sehr kurzer Zeit von vielen heimischen Fischarten verabschieden müssen“, betont Günter Richter.

Kein Vogel der Region: der Kormoran gefährdet die Artenvielfalt der Fische im Neckar. Foto: jh

   

 

http://www.ntz.de/output/news/highresresizeimage.php?bildname=/newsimages/nzwz-2010-02-15-14888646_1411_onlineBild.jpg